Rezension: Der französischen Sprache mächtig. Kommunikation im Spannungsfeld von Sprachen und Kulturen im Königreich Westphalen (1807–1813) – Claudie Paye

rezensiert von Katharina Thielen

‹1› Am 18. August 1807 wurden große Teile der heutigen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsens per Dekret durch Napoleon zum Königreich Westphalen zusammengeschlossen und standen fortan unter der Herrschaft seines Bruders Jérôme. Wie gingen die Bewohner mit dem neuen französischen Staatsmodell und der Anwesenheit zahlreicher Franzosen um? Wie funktionierte die Kommunikation mit ihnen und welche Folgen hatten etwaige Sprachbarrieren? Was es damals tatsächlich bedeutete, „der französischen Sprache mächtig“ zu sein, untersucht Claudie Paye in ihrer gleichnamigen Dissertation mit dem Untertitel „Kommunikation im Spannungsfeld von Sprachen und Kulturen im Königreich Westphalen 1807–1813“, welche betreut von Prof. Dr. Rainer Hudemann (Saarbrücken) und Prof. Dr. Étienne Francois (Berlin) als 100. Band der Pariser Historischen Studien 2013 im Oldenbourg Verlag erschienen ist.

‹2› Die Autorin folgt mit ihrer Arbeit, die sie einleitend klar der sozial- und kulturgeschichtlichen Forschungstradition zuordnet, in erster Linie einem kommunikations- und mediengeschichtlichen Interesse: Im Fokus liegt „die Sprachenfrage und die Kommunikation mit den Sprachen und jenseits der Sprachen in der westphälischen Herrschaft und Gesellschaft“ (S. 24).

‹3› Auf der Basis einer paradoxen Quellenlage, welche die Sprachbarriere zwischen Franzosen und Deutschen einerseits als eklatantes Problem darstellt und andererseits keinerlei Sprachprobleme thematisiert, ja sogar eine Art „mysteriöse sprachliche Eintracht“ (S. 21) suggeriert, möchte sie der tatsächlichen Kommunikationspraxis im Königreich Westphalen auf den Grund gehen und erhebt dabei den Anspruch auch nichtschriftliche, d.h. zeichenhafte, symbolische, körperbezogene und mündliche Kommunikation mit einzuschließen. Gemäß dieses praxisorientierten Ansatzes, der zudem möglichst weite Teile der westphälischen Gesellschaft in den Blick nehmen möchte, liegt der unübersehbare Schwerpunkt der Arbeit auf Teil B „Sprach- und Kommunikationspraktiken“ (S. 99–350) sowie deren Problematisierung in Teil C „Sprachbewusstsein, Verständigungsschwierigkeiten, Sprachdominanz und -konflikt“ (S. 353–498). Der erste Teil „Sprachpolitik im Königreich Westphalen“ (S. 59–98) fällt vergleichsweise kurz aus und kann auf zweierlei Ebenen als einführendes Kapitel verstanden werden: Zum einen werden die politischen Rahmenbedingungen skizziert und dem Leser so die für den Hauptteil notwendigen Hintergrundinformationen vermittelt, zum anderen liefert Teil A auch die Grundlagen für eine übergeordnete Fragestellung, mit welcher Paye den aktuellen Diskurs1) um den Zusammenhang von Sprache und Nation im Europa des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts aufgreift: Welchen Stellenwert nimmt Sprache in der französischen Herrschaft über Westphalen im Speziellen und in der Konstituierung von Selbst- und Fremdbildern und somit ferner auch in der Entstehung von Nationalbewusstsein im Allgemeinen ein?

‹4› Die offizielle Sprachpolitik im Royaume de Westphalie war von Beginn an auf administrativer wie auch öffentlicher Ebene durch deutsch-französische Zweisprachigkeit geprägt. Diese unerwartete „Sprachentoleranz“ (S. 510) bestätigt sich bei der näheren Betrachtung staatlicher Behörden, sodass Paye die eher gemäßigte Sprachpolitik als „eine Art Kolinguismus“ (S. 67) charakterisiert. Die Durchsetzung der französischen Sprache als Nationalsprache trat ihrer Meinung nach gegenüber der Durchsetzung der französischen Reformen in den Hintergrund. Gefestigt wird dieses Urteil anhand einer Analyse der westphälischen Schulpolitik, wobei an dieser Stelle möglicherweise auch zusätzliche Einblicke in andere Bereiche wie z. B. in die Kultur- und Wirtschaftspolitik gewinnbringend hätten hinzugezogen werden können.

‹5› Gleichwohl ergibt sich aus diesen Gegebenheiten die immense Bedeutung der Übersetzer und Dolmetscher, die den Untersuchungsgegenstand des zweiten Teils der Studie bilden. Mit Hilfe zahlreicher Einzelbeispiele aus politischen, militärischen, öffentlichen wie auch privaten Sphären, gelingt es Paye, die Relevanz dieser in sich stark heterogenen Gruppe für das gesellschaftliche Miteinander herauszustellen und darüber hinaus einige „außerordentlich normale Zwei- und Mehrsprachige“ (S. 513) unter ihnen ausfindig zu machen, deren Französischkenntnisse, entgegen der bisher vorherrschenden Meinung, nicht auf höhere Bildung oder adeligen Herkunft zurückzuführen sind, sondern in territorialer und sozialer Mobilität begründet sind. Diese oft als „Ad-hoc Übersetzer“ (S. 125) arbeitenden Dolmetscher erwiesen sich, laut Paye, als unabdingbar für das Zusammenleben im interkulturellen Gefüge, wobei sie „jedoch weniger als kulturelle Vermittler als vielmehr als sprachliche Mittler und Verständiger betrachtet“ (S. 43) werden.

‹6› Der Untersuchung liegt folglich ein primär funktionales Verständnis von Sprache zu Grunde, welches erst in einem zweiten Schritt um weitere Bedeutungsebenen, wie die, der sozialen Praxis und der Diskursanalyse, ergänzt wird. – Ein mikrohistorischer Ansatz, der den unterschiedlichen Fallstudien und den darin implizierten kulturellen Bedeutungsebenen gerecht wird und sich von der traditionellen Kulturtransferforschung, die für den deutsch-französischen Raum vor allem durch die herausragenden Arbeiten von Prof. Dr. Rolf Reichardt und Prof. Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink geprägt wurden, abhebt.2) „Sprache wird nicht selbstverständlich als Teil der Kultur subsumiert, sie gilt mitunter schlicht als Medium“ (S. 55) und ist somit nicht zwingend ein Indikator für die kulturellen Hintergründe des jeweiligen Sprechers oder für einen kulturellen Austausch zweier Verschiedensprachiger. Kurz: Nicht überall, wo Franzosen mit Deutschen kommunizierten ist ein „interkultureller Austausch“3) festzumachen. Mit dieser unvoreingenommen Einstellung und einem weitgefassten Kulturbegriff geht es in Teil B vor allem um die Frage, wie und auf welche Art und Weise Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen vonstatten ging.

‹7› Antworten liefert eine „schrittweise erweiterte Quelleninterpretation“ (S. 53) durch „Dialogisierung, Rekonstruktion und Kontextualisierung“ (ebd.) einer großen Anzahl verschiedenartiger, meist in großen Teilen abgedruckter, Quellen, wobei Bild-, Sprach- und Raumtheorien, sowie Aspekten der Akkulturation und Assimilation je nach Quellenart mitberücksichtigt werden. Neben zahlreichen Schriftzeugnissen (Verwaltungs- und Polizeiakten, öffentliche Medien, Ego-Dokumente, Literatur, Wörterbücher etc.), die – wie Paye zu Recht bemerkt – zum Teil eine „Lesart zwischen den Zeilen erfordern“ (S. 49), werden auch Bildquellen (Karikaturen, Wappen, Münzen etc.), Bittschriften und mündliche Überlieferungen wie das „Gerücht“ zu Rate gezogen. Die abwechslungsreiche Darstellung zeichnet sich durch eine durchweg gute Verknüpfung der praktischen und theoretischen Ebene aus und wird um interessante Quellenzitate und mehrere Illustrationen bereichert, sodass eine bemerkenswert detaillierte Rekonstruktion der Kommunikation am Ende des zweiten Teils steht, die verschiedene Phänomene preisgibt. So dienten neue komplexe Kommunikationsstrategien mit Hilfe eines breiten Medienrepertoires nicht nur der bloßen Verständigung, sondern auch der Informationsbeschaffung im Zeitalter von Repression und Zensur und führten zu einer allmählichen Politisierung der westphälischen Gesellschaft. Dieser Schluss, den Paye als „Sprachpolitik von unten“ (S. 512) bezeichnet und zu den positiven Langzeitfolgen der napoleonischen Herrschaft zählt, wird durch die Beobachtung untermauert, dass mit dem sich abzeichnenden Ende der „Franzosenzeit“ auch ein Schwinden des zuvor nachweislich hohen Interesses an der prestigeträchtigen Sprache zu erkennen ist. Stattdessen widmete man sich ab 1813 gemäß der politischen Situation dem Russischen und bezog so durch den Umgang mit Sprache Stellung.

‹8› Diese politische Dimension der Sprachenfrage spiegelt sich ebenfalls in vielen überlieferten Konfliktsituationen wieder, welche in Teil C ausgiebig behandelt werden. Auch hier veranschaulichen umfangreiche Quellenzitate die Wahrnehmung des Fremdsprachlichen durch die Zeitgenossen und lassen Rückschlüsse auf das Sprachdenken der Zeit sowie die Bedeutung der Sprache im Bezug auf Selbst- und Fremdzuschreibungen zu. Es stellt sich heraus, dass überall dort, wo Sprachbarrieren überliefert sind, gleichsam soziokulturelle Unstimmigkeiten vorhanden waren und „die Sprachenfrage weniger ein sprachliches als ein kulturelles Verständigungsproblem mit anderen Gruppen der Gesellschaft darstellte“ (S. 515) Eine rein nationale Abgrenzung über Sprache kann also widerlegt werden. Ihr Beitrag zum aufkommenden Nationalgedanken muss daher relativiert werden und ist hauptsächlich in ihrer späteren Instrumentalisierung durch die Historiographie des 19. Jahrhundert zu suchen. Ob diese Erkenntnis auch auf die linksrheinischen Gebiete unter napoleonischer Herrschaft übertragen werden kann, wird weiterhin Aufgabe der geschichtswissenschaftlicher Forschung bleiben, für das Königreich Westphalen allerdings hat Claudie Paye exemplarisch aufgezeigt, dass die Sprachenfrage weniger eine Machtfrage unterschiedlicher Nationalitäten als vielmehr zwischen sozial und kulturell unterschiedlichen Gruppen war. Ihr engagiertes Ziel, eine Pilotstudie zu einer noch ausstehenden Sozial- und Kulturgeschichte der Sprache, des Sprechens und der Kommunikation zu liefern, wird demnach insofern Rechnung getragen, als das sie erstmals erstaunlich komplexe Kommunikationsvorgänge innerhalb einer Gesellschaft aufdecken und begreiflich machen kann.

‹9› Auch wenn es sich um eine mikrohistorisch angelegte Studie eines in seiner Zeit weitgehend abgeschlossenen Gebietes handelt, erweitert „Der französischen Sprache mächtig. Kommunikation im Spannungsfeld von Sprachen und Kulturen im Königreich Westphalen 1807–1813“ die inter- und transnationale Perspektive auf die französische Herrschaft. Die Studie kann daher durchaus als erster Schritt hin zu einer Sozial- und Kulturgeschichte der Sprache, des Sprechens und der Kommunikation angesehen werden und liefert zudem wichtige Anknüpfungspunkte für andere Disziplinen wie die Historische Sprachforschung, die Soziolinguistik und Rechtsgeschichte.

‹10› So fortschrittlich sich das besprochene Werk hinsichtlich der gegebenen Impulse für weitere Forschungsarbeit erweist, so zeitgemäß ist auch die gewählte Publikationsform, denn zwei Kapitel sind in der gedruckten Fassung nicht vorhanden, dafür aber als OpenAccess-Veröffentlichungen bei „Hyper Article en Ligne – Sciences de l'homme et de la société“ zu finden:

‹11› „Gerüchte im Fokus der Polizeibeamten und als Quelle der Information für Westphalen (1807–1813)“ URL: halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-00795333 und „Postwesen und Briefkultur im Königreich Westphalen. Das offizielle Netz und sein geheimes und privates Pendant (1807–1813)“ URL: halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-00793224

Rezensiert wurde:

Paye, Claudie: Der französischen Sprache mächtig. Kommunikation im Spannungsfeld von Sprachen und Kulturen im Königreich Westphalen (1807–1813). Oldenbourg, München 2013 (= Pariser Historische Studien, 100) ISBN 978-3-486-71728-0.

Fußnoten

  1. Einen Überblick gaben zuletzt Struck, Bernhard/ Gantet, Claire: Revolution, Krieg und Verflechtung 1789–1815, S. 19–28. Darmstadt 2008. ( = Deutsch-Französische Geschichte, 5) »
  2. Mit „Kulturtransfer im Epochenumbruch: Frankreich–Deutschland 1770 bis 1815“ hrsg. v. Rolf Reichardt und Hans-Jürgen Lüsebrink, Leipzig 1997. (=Deutsch-Französische Kulturbibliothek, 9.1) ist ein viel rezipiertes Überblickswerk genannt, welches u.a. sprachliche Aspekte beinhaltet. Theoretische Überlegungen zum Kulturtransferkonzept, die auch in die rezensierte Arbeit mit eingeflossen sind, finden sich bei Espagne, Michel/ Werner, Michael: Deutsch-französischer Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Zu einem neuen interdisziplinären Forschungsprogramm des C.N.R.S., in: Francia 13 (1985), S. 502–510. URL: http://francia.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00016288,00518.html. »
  3. Zum hier gemeinten Begriff der „interkulturellen Kommunikation“ siehe ausführlich Lüsebrink, Hans-Jürgen: Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. Stuttgart, 3. erw. Aufl. 2008 und Ders. [Hrsg.]: Konzepte der interkulturellen Kommunikation. Theorieansätze und Praxisbezüge in interdisziplinärer Perspektive. St. Ingbert 2004. »
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Katharina Thielen ist Studentin der Geschichte und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Studiengang Bachelor of Arts.

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Katharina Thielen: Rezension: Der französischen Sprache mächtig. Kommunikation im Spannungsfeld von Sprachen und Kulturen im Königreich Westphalen (1807–1813) – Claudie Paye, in: Skriptum 3 (2013), Nr. 2, URN: urn:nbn:de:0289-2013120655, Abs. XY [Datum des Zugriffes].