Rezension: „Europäische Geschichte Online“ (EGO)

rezensiert von Kevin Hecken

‹1› Dem Verfasser dieser Zeilen ist keinesfalls daran gelegen, seine kritische Rezension des Internetportals „EGO | Europäische Geschichte Online“1), betrieben durch das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in der Alten Universität der Stadt Mainz, durch nur allzu erwartbare politische Spitzen zu entweihen. Dennoch kommt er nicht umhin einzuräumen, dass, in gewissen, später aufzuzeigenden Grenzen, diese Institution, die sich bekanntlich seit dem letzten Jahre der illustren Leibniz-Gesellschaft zurechnen darf, mit der Etablierung des Projektes „EGO“ durchaus Neuland betreten hat. Neuland gewiss nicht im Sinne einer besonderen technischen Innovation, die dem Projekt derart zu Grunde liegen würde, dass die Etablierung des Portals und die begleitende Entwicklungsarbeit ohneeinander nicht vorstellbar gewesen wären und Neuland sicher auch nicht auf dem Felde des redaktionellen Ablaufes oder der internationalen Vernetzung. Neuland jedoch gewiss was die überaus zeitgemäße Verbindung eines ganz dem Leitbild geschichtswissenschaftlicher Multiperspektivität verpflichteten Projektes mit einer in hohem Maße benutzerfreundlichen Seitenoberfläche betrifft.

‹2› Bevor dieser Text sich mit der fachwissenschaftlichen Einordnung dieses Projektes beschäftigen kann, seien einige kurze Bemerkungen zu Geschichte und Struktur desselben vorausgeschickt: Frühe Planungen zur Initiierung eines institutseigenen Internetportals begannen bereits im Jahre 2007. Die weitere Ausarbeitung und letztendliche Etablierung unter der Ägide des IEG-Forschungskoordinators Dr. Joachim Berger erfolgte im Jahre 2009 mit der Einrichtung zweier Vollzeitstellen, wobei das Institut auf Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft zurückgreifen konnte. Neben diesen beiden in der Mainzer Altstadt beschäftigten Redakteuren besteht seit Projektbeginn eine Arbeitsverbindung zum Trierer Kompetenzzentrum für Digital Humanities (Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften der Universität Trier)2), das in enger Kooperation mit dem Mainzer Institut die technische Betreuungs- und Entwicklungsarbeit leistet, wobei Letztere in hohem Maße in die Arbeitsoberflächen des Portals investiert wurde. Die einzelnen Beiträge werden durch ausgewählte Gutachter sowie die am Institut selbst ansässigen Hauptherausgeber (Prof. Dr. Dingel und Prof. Dr. Paulmann) bearbeitet, wobei die Autorenschaft durch die Redaktion selbst angefragt wird und von Historikern wie Theologen aus ganz Europa ausgemacht wird. Zu dem interdisziplinären Fokus, der ohnehin Wesenskern des Institutes ist, tritt also ein internationaler Fokus: Standardmäßig werden die Artikel des Portals in deutscher und englischer Sprache publiziert, wobei man die Mühe nicht scheut, eigens externe Übersetzer zu beschäftigen.

‹3› Der breiten Öffentlichkeit freigegeben werden konnte das Projekt bereits im Folgejahr. An dieser Stelle sei angemerkt, dass sämtliche für das Portal vorgesehenen Kategorien und Artikelthemen (wie auch das Gesamtkonzept) bereits im Vorhinein festgelegt worden waren: Dies geht freilich auf Kosten der inhaltlichen Flexibilität, wobei diese Einschränkung angesichts der zeitlich begrenzen Vollfinanzierung des Projekts verzeihlich erscheinen und durch die überaus zielgerichteten Gesamtkonzeption aufgewogen werden kann: Nicht zuletzt sorgte diese frühe Festlegung dafür, dass die systematische Artikelsammlung zielstrebig vorangetrieben werden konnte. Zum Zeitpunkt der Onlinestellung beherbergte „EGO“ bereits 70 der angedachten Artikel, bis Oktober 2014, mit dem Ende der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, sind fast 130 weitere erschienen. Ein zusätzlicher Ausbau ist zwar geplant, dürfte aber aufgrund der institutionellen Veränderungen, die mit der veränderten Finanzierungsbasis einhergehen, nur mit verminderter Geschwindigkeit voranschreiten: Da also zu befürchten steht, dass die Leerstellen im Portal nur langsam geschlossen werden können, liegt die Schlussfolgerung nahe, das Institut habe sich konzeptionell in diesem Sinne etwas übernommen.

‹4› „Europäische Geschichte aus einer anderen Perspektive“: Diese Devise begegnet dem Leser des Portals Europäische Geschichte Online bereits auf den ersten Blick. Die angesichts der Wahl dieses Leitbildes womöglich geweckten Erwartungen an Perspektivenvielfalt und ungewöhnlichen Ansätzen kann das Projekt in der Tat erfüllen: Dies trifft sowohl auf die inhaltliche Ausrichtung der einzelnen Texte zu, als auch auf deren Präsentation.

‹5› Das konzeptionelle Kernstück des EGO-Portals (und darum zugleich seine größte Stärke und Schwäche) bildet das ausgefeilte Kategoriensystem. Jeder Artikel ist dabei in jeder der vier bestehenden Kategorien einem Reiter zugeordnet: Während die Kategorie „Zeit“ sich nach den Jahrhunderten zwischen dem 15. und dem 21. christlicher Zählung aufgliedert (eine, wenn sie für sich alleine stände, höchst problematische, angesichts der Perspektivenvielfalt des Portals jedoch wohl unvermeidliche Gliederungsvariante), sortiert die Kategorie „Thema“ in recht allgemein gehaltene Unterkategorien (Bildung, Gesellschaft, Religion, Militär, Migration, Agenten, Theorie etc.), die sich naturgemäß häufig überschneiden, was eine zielführende Artikelrecherche in dieser Kategorie allein zu einem schwierigen Unterfangen macht: Sinn macht die Einrichtung insbesondere dieser Kategorie erst im Anforderungsrahmen einer erweiterten Suche. Die Kategorie „Raum“ zuletzt teilt Europa in seine Himmelsrichtungen sowie einen Mittelteil und fügt noch die Balkanhalbinsel und die „Außereuropäische Welt“ hinzu. Die vieldeutigste Kategorie, die auch durch ihre prominente Vorstellung auf der Startseite ihre Kernbedeutung für das Projekt „EGO“ demonstriert, ist jedoch die Kategorie „Thread“, deren Hauptfunktion im Unterschied zu den drei vorgenannten nicht bloß diejenige einer benutzerfreundlicheren Suche ist, sondern selbst inhaltliche Schwerpunkte für das Portal definiert und die entsprechenden Perspektiven präsentiert: Etwa „Modelle und Stereotypen“, „Europa und die Welt“, „Europa unterwegs“ oder „Crossroads“. Die Anwahl einer jeden Subkategorie der „Threads“ eröffnet dem Leser den Blick auf weitere „Subsubkategorien“, die den Schlagwortcharakter der häufig übergeordneten Bezeichnung aufwiegen: So weist die Untergliederung der Subkategorie „Europa unterwegs“ Themenfelder wie dasjenige der „Jüdische[n] Migration“ von „Reise und Technologietransfer“ und „Tourismus“ auf. Gerade hier fällt jedoch die relative Unfertigkeit des Portals negativ ins Gewicht: Ein Sternchen am Ende des Themennamens signalisiert noch allzu häufig eine Fertigstellung in unbestimmter Zukunft.

‹6› Für sich genommen sind diese Kategorien nicht immer besonders zielführend: So umfasst die Subkategorie „Raum / Außereuropäische Welt“ etwa auch Claudia Lydorfs Artikel zum Römischen Recht oder Joachim Schmiedls Beitrag zu „Orden als transnationale Netzwerke der katholischen Kirche“, ebenso wie die Subkategorie „Thema / Künste“ den Artikel Rolf Reichardts zur Französischen Revolution beinhaltet. Die Artikelzuweisung in jeweils vier Kategorien erhält ihren Sinn – darunter sei hier insbesondere ihre außergewöhnliche Benutzerfreundlichkeit verstanden – erst durch die erweiterte Suchfunktion, die es dem Leser etwa erlaubt, Artikel zu „Recht und Verfassung (Kategorie Thema)“ in „Nordeuropa“ (Kategorie Raum) im Kontext „Europäische[r] Netzwerke“ (Kategorie „Thread“) zu suchen und zu finden, wobei die Zeitkategorie frei wählbar gestaltet ist.

‹7› Die aufgrund der hohen Subkategorienzahl und deren inhaltlichen Überschneidungen geübte Zuordnung der Beiträge zu zahlreichen Subkategorien führt jedoch bisweilen zu einer relativ geringen Ergebnisschärfe. Das oben durchexzerzierte Beispiel ergibt etwa Artikel zu jüdischen und islamischen Netzwerken (Mirjam Thulin beziehungsweise Thomas Eich), die inhaltlich kaum Bezug zu Nordeuropa beanspruchen können sowie erneut bisweilen sehr allgemein gehaltene Überblicksartikel (in diesem Falle etwa Heinz Duchhardts Beitrag zu Dynastischen Ehen). Trotz dieser kleineren (jedoch gewiss nicht etwaiger Fahrlässigkeit sondern dem Streben nach größtmöglicher Bedienbarkeit geschuldeten) Schwächen bleibt die Suchfunktion positiv hervorzuheben: Bei vollständiger und halbwegs präziser Auswahl der Subkategorien bleibt die angezeigte Artikelzahl überschaubar und damit zu bewältigen. Hier ist es das eben Kritisierte, das eine erstaunliche positive Kehrseite aufweist: Die bisweilen unzusammenhängend wirkenden Suchergebnisse bei zu grober Suchrasterung ergeben ungewollte Querverweise und fordern zur Bildung neuer multiperspektivischer, bisweilen interdisziplinärer Perspektiven heraus. Die Tatsache, dass Suchanfragen für spätere Zugriffe gespeichert werden können, komplettiert den klaren Fokus auf Benutzerfreundlichkeit. Eben diese sorgt nun auch für einige Schwierigkeiten, möchte man die Leserschaft von Europäische Geschichte Online auf eine bestimmte Zielgruppe festlegen: Die fachliche Fundierung der Artikel (ebenso wie der wissenschaftliche Zitationsstil) machen das Portal für den wissenschaftlich Arbeitenden ebenso nutzbar wie für den interessierten Laien, der angesichts der zahlreichen angebotenen Perspektiven und Kategorien nach Herzenslust in ihnen stöbern kann. Zu diesem Vorzug tragen nicht zuletzt die zahlreichen, an der Seite der einzelnen Artikel angebrachten Querverweise sowie die häufig der Creative Commons-Lizenz unterliegenden Artikel, Karten und Bilder bei: Gerade hier wird das Projekt auch für Lehrkräfte interessant.

‹8› Hat man die Vorteile der Benutzeroberfläche erkannt, mag man es beinahe als tragisch empfinden, dass ursprünglich angedachte interaktive Elemente aus zeitlichen und technischen Gründen nicht in das Portal integriert werden konnten: Immerhin ist es möglich, dem Verfasser eines Artikels eine persönliche Mitteilung zukommen zu lassen und die Artikel auf Sozialen Netzwerken zu teilen. An einer allgemeinen Kommentarfunktion mangelt es jedoch ebenso wie an einem leicht zugänglichen Orts-, Personen- und Sachregister.

‹9› Dennoch kommt auch der kritischste Betrachter nicht umhin, das Portal „Europäische Geschichte Online“ als Bereicherung der Gruppe (nicht nur) deutschsprachiger geisteswissenschaftlicher Portale zu betrachten: Das Institut für Europäische Geschichte hat hier hochwertige Artikel in einem vielleicht nicht gerade besonders intuitiv bedienbaren, jedoch voller Möglichkeiten steckenden, Publikationsprojekt zusammenzutragen, welches Multiperspektivität nicht bloß in seinen Kategorien präsentiert, sondern aufgrund seiner besonderen Benutzeroberfläche auch in der Lage ist selbst zu multiperspektivischem Denken anzuregen.

Rezensiert wurde:

Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) (Hrsg.): Europäische Geschichte Online (EGO). URL: www.ieg-ego.eu. Mainz 2007–2013. ISSN 2192-7405.

Fußnoten

  1. http://www.ieg-ego.eu. »
  2. http://kompetenzzentrum.uni-trier.de/. »
Creative Commons-Logo

Dieses Werk steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz (CC-BY-ND 3.0 DE).

CC-BY-Symbol

Namensnennung Sie müssen den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen.

CC-NC-Logo

Keine Bearbeitung erlaubt — Sie dürfen diesen Inhalt nicht bearbeiten, abwandeln oder in anderer Weise verändern.

Zum Zitationshinweis springen


Autoreninformation

Kevin Hecken ist Student der Geschichte und der Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Studiengang Master of Education.

PDF-Download


Kategorien

Epoche

Textgenre

Zitationshinweis:

Kevin Hecken: Rezension: „Europäische Geschichte Online“ (EGO), in: Skriptum 3 (2013), Nr. 2, URN: urn:nbn:de:0289-2013120644, Abs. XY [Datum des Zugriffes].