Blick in die Historikerwerkstatt: Die Epigraphische Datenbank Heidelberg (EDH) – lateinische Inschriften der römischen Antike online

von Francisca Feraudi-Gruénais und Elisabeth Neubert



Zusammenfassung

In der Rubrik Blick in die Historikerwerkstatt stellen Francisca Feraudi-Gruénais und Elisabeth Neubert die  Epigraphische Datenbank Heidelberg (EDH) – lateinische Inschriften der römischen Antike online vor und führen dem Leser die Schwierigkeiten der Erstellung und Unterhaltung digitaler Datenbanken vor Augen. Um eine optimale Balance zwischen hohen theoretischen Zielen und begrenzten Umsetzungsmöglichkeiten zu erreichen, wurde die Textdatenbank, um eine photographische und eine bibliographische Datenbank, 2003 schließlich um eine geographische Datenbank ergänzt. Letztere resultiert aus der Tatsache, dass der ursprüngliche Anspruch ‚alle‘ publizierten lateinischen Inschriften zu erfassen, wissenschaftlich aufzubereiten und online zur Verfügung zu stellen nur durch eine regionale Aufteilung gewährleistet werden kann. Dabei hat sich die EDH auf die Inschriften der römischen Provinzen und des europäischen Raums spezialisiert.

Die Epigraphische Datenbank Heidelberg

‹1› Die Entstehung der EDH als der ersten umfassenden Online-Datenbank für lateinische Inschriften verdankt sich zwei untrennbaren Faktoren. Zum einen dem bemerkenswerten Weitblick des Heidelberger Althistorikers Géza Alföldy (1935–2011), zum anderen dem im Jahr 1986 erstmalig verliehenen Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG. Zu den Preisträgern der ersten Verleihungsrunde zählte Alföldy. Zur Verwendung des Preisgeldes von damals drei Millionen DM gab es für ihn von Anfang an keinen Zweifel – und so wurde aus dem in den frühen 80ern noch revolutionär anmutenden Traum eines elektronischen Inschriftenarchivs Wirklichkeit. Heute kommt kein Forscher und kein Studierender der klassischen Altertumswissenschaften mehr an der EDH vorbei (www.epigraphische-datenbank-heidelberg.de). Und auch Latein- und Geschichtslehrer sowie interessierte Laien haben den wissenschaftlich fundierten wie didaktisch durchaus unterrichtskompatiblen Service dieser Datenbank zunehmend schätzen gelernt: endlich ein Tool, um Lateinschüler mit greifbarem Latein auf Stein zu begeistern und sie verstehen zu lassen, dass der Tacitus aus dem Schulbuch genau der gleichen Welt entstammt.

‹2› Was Alföldy seinerzeit innovativ begründete, war, mit heutigen Augen betrachtet, freilich nur die in vielerlei Hinsicht schon wieder überholte Zukunft von gestern. Heute, fast 30 Jahre später, mag man über diese ersten Gehversuche lächeln.1) Doch gleichzeitig wurden genau damit die Grundlagen für die praktische Epigraphik von heute gelegt, nicht zuletzt als Impulsgeber, teils sogar Initiator für die Entstehung einer Reihe weiterer, nicht mehr wegzudenkender Datenbankprojekte2) und internationaler Verbundportale3). Der Begriff der „Epigraphik“ (wenngleich gelegentlich mit „Epizentrik“ verwechselt …) hat nicht zuletzt hierdurch im Laufe der letzten drei Jahrzehnte den Touch des Exotischen, Unverständlichen und Unzugänglichen verloren, und ihr Gegenstand hat verstärkt Eingang in kulturhistorisch verwandte Nachbardisziplinen gefunden, allen voran die Klassische Archäologie und Philologie. Antike Inschriften sind zu einer selbstverständlich einzubeziehenden Quellengattung geworden, deren vermeintlich arkaner Charakter nicht mehr zu schrecken scheint. Alföldys Vision, eine „epigraphische Datenbank aufzubauen als ein langfristig angelegtes und nach interdisziplinären Kriterien ausgerichtetes Projekt zur Erfassung und Bearbeitung antiker lateinischer Inschriften“4) ist jedenfalls folgenschwere Realität geworden.

‹3› Zu dieser Realität gehört nun, dass die EDH nie nur eine einzige Datenbank war, sondern in ihr von Anfang an gleich drei Datenbanken grundgelegt waren: Neben der wichtigsten, der Textdatenbank, bestanden von Anfang an auch eine photographische und eine bibliographische Datenbank.5) Seit kurzem existiert noch eine vierte, geographische Datenbank, wobei alle genannten Teildatenbanken aufgrund ihrer komplementären Anlage miteinander vernetzt sind.

‹4› Im Laufe der fünfjährigen Finanzierung über den Leibniz-Preis zu einem soliden Arbeitsinstrumentarium herangewachsen, fand die nunmehr etablierte EDH nach einer zweijährigen Zwischenfinanzierung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung seit 1993 ihre derzeitige Heimat in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften als ein Bund-Länder-finanziertes Langzeitprojekt.6) Doch auch sogenannten Langzeitprojekten ist keine ewige Lebenszeit beschert. Das Auslaufen ihrer Finanzierung jedenfalls ist für das Ende des laufenden Jahrzehnts vorgesehen. Nicht selten liegen die Kriterien solcher Terminierungen jenseits der inneren Logik erfolgreicher und mit vielen Millionen finanzierter Projekte und besonders der von außen an verlässliche und etablierte Arbeitsinstrumentarien herangetragenen Erwartungen. Sollte das Finanzierungsende tatsächlich das Projektende bedeuten, handelte es sich allerdings um eine praematura mors – mit weitreichenden, heute schon absehbaren und weiteren, in ihrem vollen Umfang noch unkalkulierbaren Folgen.

‹5› Maßgeblich für das Konzept der EDH war von Anfang an der Anspruch, möglichst engmaschig ‚alle‘ publizierten lateinischen Inschriften zu erfassen und dabei gerade jene Inschriften zu berücksichtigen, die außerhalb der einschlägigen Inschriftencorpora in zahllosen disparaten, oftmals entlegenen Einzelpublikationen und Zeitschriftenartikeln veröffentlicht sind.

‹6› Maßgebliches bibliographisches Hilfsmittel und zugleich Orientierungspunkt war und ist dabei die Année Épigraphique, die Jahr für Jahr den Großteil der seit 1888 erschienenen Inschriftenpublikationen verzeichnet. Das seit Projektbeginn geltende Prinzip, dass keine einzige Inschrift in die EDH eingegeben wird, ohne zumindest anhand einer Originalpublikation (besser, aber weitaus seltener, natürlich per Autopsie) verifiziert worden zu sein, gilt bis heute. Ein zugegebenermaßen zeitaufwendiger Anspruch, der aber die einzige Garantie für ein verlässliches Arbeitsinstrumentarium abzugeben vermag, das einen nunmehr etablierten Platz neben den traditionellen, als Editionen konzipierten Inschriftencorpora eingenommen hat.

‹7› ‚Alle‘ lateinischen Inschriften zu erfassen, zumal mit einer Mitarbeiterkapazität, die im Schnitt bis heute kaum mehr als zwei volle Epigraphikerstellen, eine halbe Technikerstelle und eine stattliche Zahl an Hilfskraftstunden7) umfasste, ist freilich ein ambitioniertes Ziel. Umso mehr mit einem Set an Metadaten pro Datensatz, das in ihren Anfängen an die 60 Datenfelder umfasst, und pro Feld über ein teils sehr differenziertes Spektrum an Eingabemöglichkeiten verfügt hat: ein ‚Maximalismus‘, den zwar kein historisch Forschender je als einen solchen bezeichnen würde. Aber klar ist andererseits auch, dass eine Datenbank, die händelbar bleiben soll, früher oder später Straffungen und Kompromisse erfordert. Das Ergebnis der somit notwendig gewordenen Umstrukturierung war eine reduzierte Eingabemaske, mit wenigen Pflichtfeldern, einem breiten Spektrum semantisch verschiedenartiger optionaler Felder und deutlich entschlackten Auswahlmenüs.

‹8› Doch eine solche Entschlackung an der Front der Metadaten war nur die eine Seite der Medaille. Auch das ursprüngliche Konzept, ‚alle‘ lateinischen Inschriften erfassen zu wollen, musste den Realitäten von dünner Personaldecke, ständig nachwachsenden Inschriften und nunmehr im Raum stehendem Laufzeitende angepasst werden. Die Lösung lag darin, auf ein regionales Prinzip zu setzen. Im Austausch mit den international gestreuten und an der Spitze der epigraphischen scientific community stehenden Kooperationspartnern der EDH war es so möglich, Teile der bislang von Heidelberg aus bearbeiteten Inschriften nach geographischen Kriterien um- und neuzuverteilen. Im Jahr 2003 wurde daher unter dem Label EAGLE8) in Aquileia ein internationaler Verbund gegründet, als dessen Folge zwei neue epigraphische Datenbanken entstanden sind, nämlich EDR9) für die Inschriften Italiens und EDB10) für die frühchristlichen Inschriften Roms, und in das schließlich auch das bereits 2002 gegründete Projekt HEOnl11) für die lateinischen Inschriften Spaniens eingebunden worden ist. Als Konsequenz daraus obliegt der EDH seit dem Jahr 2003 somit die Verantwortung nicht mehr für ‚alle‘ lateinischen Inschriften, sondern nur noch für jene aus römischen Provinzen die im Gebiet des heutigen europäischen Territoriums lagen.12)

‹9› Konkret stehen im Sinne der bei der letzten großen Evaluierung vom Jahr 2006 beschlossenen „Modularisierung“, nach der die praktische Bearbeitung einem geographischen, an den antiken römischen Provinzen ausgerichteten Prinzip zu folgen hat, in der EDH nahezu vollständig und verknüpft mit einem dichten Set an Metadaten die lateinischen und bilinguen Inschriften Dalmatiens (7.500 Datensätze) und der Balkanprovinzen Obermösien (1.500 Ds.), Thrakien (400 Ds.), Makedonien (1.200 Ds.) und Epirus (140 Ds.) zur Verfügung, ferner der Donauprovinzen Untermösien (1.900 Ds.), Dakien (3.500 Ds.) und Norikum (2.700 Ds.), um im Anschluss daran mit den pannonischen, sodann den germanischen und gallischen Provinzen sowie Rätien und schließlich Britannien fortzufahren. Hier ist noch viel zu tun. Aber es ist auch bereits viel getan worden. In Zahlen verfügt die EDH derzeit über mehr als 72.000 Inschriften und Datensätze; mit ihren jeweils durchschnittlich 50 berücksichtigten Metadaten beläuft sich das Informationspotential auf über eine Million Metadaten.

‹10› Wie kann ein solches Arbeiten funktionieren? Das Zauberwort lautet hier „Vernetzung“, die von der EDH auf drei unterschiedlichen Ebenen betrieben wird, einer internen, einer externen und einer strukturellen.

‹11› Auf interner Ebene erfolgt die Vernetzung über die vier Teildatenbanken, wodurch die Datensätze der Textdatenbank als dem Herzstück der EDH in die Lage versetzt sind, mit den rund 35.000 Datensätzen der photographischen13), den rund 15.000 Datensätzen der bibliographischen und den über 25.000 Datensätzen der geographischen Datenbank zu interagieren. Davon unbenommen ist selbstverständlich die Möglichkeit, dass die jeweiligen Datenbanken für gezielte Einzelrecherchen nach wie vor auch isoliert voneinander angesteuert werden können.

‹12› Im Gegensatz dazu setzen sich die Vernetzungen auf externer Ebene aus einem Bündel an komplexen Verlinkungen mit außerhalb der EDH liegenden epigraphischen Datenarchiven zusammen, bei denen es sich nicht zwingend um reine Textdatenbanken handeln muss. Bei aller bewusst einkalkulierten und auch gewollten Heterogenität der Linkziele bestehen die Mindestvoraussetzungen für die Einrichtung solcher Verlinkungen darin, dass sie wissenschaftlichen Kriterien voll genügen, inhaltlich solide aufgestellt sind und in quantitativer Hinsicht über adäquate Schnittstellen verfügen. So bestehen seitens der EDH-Textdatenbank Verlinkungen zu den Photoarchiven des Corpus Inscriptionum Latinarum14), des Centro CIL II15), der Lupa-Bilddatenbank16), der Inschriften von Philippi im Bild17) und des U.S. Epigraphy Project18). Der somit generierte Mehrwert zeigt sich in zusätzlichen 9.000 Photolinks, die dem Nutzer mit einem Klick die Gegenüberstellung und Überprüfbarkeit der EDH-seit angebotenen Inschriftentranskriptionen mit den Abbildungen der Originale ermöglicht. Ganz im Sinne der reziproken Nutzung von Synergieeffekten handelt es sich dabei weitgehend um wechselseitige Links, d.  h. die externen Photoarchive verweisen ihrerseits auf die Texte der EDH zurück. – Darüber hinaus bestehen seitens der EDH Verlinkungen zu epigraphischen Online-Archiven, die systematisch Daten von solchen Inschriften pflegen, die zwar ebenfalls in der EDH vorliegen, dort jedoch (derzeit) nicht schwerpunktmäßig auf Stand gehalten werden können. Dies betrifft u. a die Inschriften der antiken Regionen Italiens (regiones Italiae), die vollständig an die EDR19) delegiert worden sind, die in den ICUR gesammelten und über EDB20) abrufbaren christlichen Inschriften Roms, die in HEpOnl21) vorgehaltenen Inschriften Spaniens und die über die IRT-Seite22) abrufbaren Inschriften des römischen Tripolitanien. Während die Auffindbarkeit bereits in die EDH eingegebener Inschriften somit prinzipiell gewährleistet bleibt, wird der Nutzer per direktem Link auf gegebenenfalls aktuellere Bearbeitungen in Lesung und Metadaten der genannten externen Projektseiten weiterverwiesen. – Schließlich werden die EDH-seitig angebotenen Schnittstellen auch als Linkanker für von außen kommende Verlinkungen genutzt. Dies betrifft vor allem Verknüpfungen von Inschrifttexten der EDCS23), dem derzeit umfangreichsten Textarchiv lateinischer Inschriften, mit den Text- und Metadaten der EDH sowie solche von EDR auf den reichen Heidelberger Photobestand der Inschriften Italiens.

‹13› Schließlich die strukturelle Ebene von Vernetzungen: Es geht hier um Formen von Kooperation, die ganz gezielt auf arbeitsteilige Maßnahmen und die Einbindung wissenschaftlichen Know-Hows zu regionalem epigraphischen Spezialwissen abheben (s.  o. EAGLE)24) – Über diese institutionalisierte arbeitsteilige Kooperation hinaus erfolgt die strukturelle Vernetzung der EDH zudem auch über die punktuelle, temporäre Einbindung von Wissenschaftlern bzw. wissenschaftlichen Institutionen, die sich durch einschlägige Forschungen als Experten für Inschriften bestimmter Regionen der europäischen Provinzen ausgewiesen haben. Mittels der Möglichkeit der externen Eingabe von außerhalb der Heidelberger Forschungsstelle kommt regionales epigraphisches Know-How unmittelbar der EDH und damit ihren Nutzern zugute.25)

Die Photodatenbank der EDH bei studentischen Hilfskräften in guten Händen – Learning by Doing, ein Erfahrungsbericht

‹14› Mit mehr als 35.000 Digitalisaten und mehr als 375.000 Metadaten handelt es sich um die zweitgrößte Teildatenbank der EDH und zugleich das weltweit größte Archiv dieser Art für die antike Epigraphik. Eine große Verantwortung, aber auch Herausforderung für Studierende, die die Möglichkeit haben, in diesem Vorhaben ihre Kompetenzen einzubringen und zu vertiefen! – Trotz reziproker Verlinkungen funktioniert sie grundsätzlich unabhängig von der Epigraphischen Textdatenbank als eine eigenständige Datenbank. Ihr Gegenstand sind die photographischen Ablichtungen von, neben vergleichsweise wenigen griechischen, vorrangig lateinischen Inschriften. Die abgelichteten epigraphischen Zeugnisse – bei aktuelleren Aufnahmen wurde vermehrt auch der Inschriftenträger aus verschiedenen Perspektiven miteinbezogen – können Studierende, Forscher, Gymnasiallehrer oder interessierte Laien zur Vorbereitung ihrer Referate, Seminare, Vorlesungen, ihres Unterrichts oder ihrer Studienreisen nutzen. Dies ist insbesondere dann bereichernd, wenn das Original oder eine Kopie nicht zur Hand sind. Dabei ermöglicht die Information einer jeden Bilddatei mit repräsentativen Metadaten zum einen die zuverlässige Identifizierung der abgelichteten Inschrift, zum anderen ist der Phototheksdatensatz mit dem zur Inschrift gehörigen Datensatz der Textdatenbank und den dort hinterlegten Daten zur Inschrift verknüpft. Umgekehrt kann auch von der Textdatenbank auf die Bilddateien und die zugehörigen Datensätze der Photothek zugegriffen werden.

‹15› Alle erforderlichen Metadaten eines Photheksdatensatzes zusammenzuführen – im Einzelnen sind dies Fundort und Fundstelle, Aufbewahrungsort, Herkunft/Photograph der Ablichtung, Typisierung der Qualität der Ablichtung, Aufnahmejahr, bibliographische Zuweisung, ID des Datensatzes der Textdatenbank der EDH – bringt einen erheblichen Arbeitsaufwand mit sich: Die zahlreichen Arbeitsschritte, die bis zur Freigabe eines Photos erfolgen, setzen bei der studentischen Hilfskraft das Wissen um die komplexe Struktur der EDH-Teildatenbanken, grundlegende EDV-Kenntnisse und einen geläufigen Umgang mit Bildbearbeitungsprogrammen, ferner epigraphisches Grundwissen und eine solide Vertrautheit mit dem Lateinischen voraus. Dabei ist allerdings die Bereitschaft, sich problemorientiert neues Wissen anzueignen noch wichtiger als umfassende Vorkenntnisse.

Abbildung 1: Arbeit an den Datenbanken

‹16› Je nach den von den Photographen mitgelieferter Vorinformationen – die Angaben reichen von ausschließlich photographischen Daten bis hin zu detaillierten bibliographischen Hinweisen – gestaltet sich die Zuweisung mehr oder minder zeitaufwendig: Zuallererst muss von den entzifferbaren Buchstaben auf den Fotos auf die Inschrift geschlossen werden. Hierfür ist nicht nur das Wissen um die in den antiken Inschriften verwendeten Abkürzungen, sondern auch die Kenntnis des Umgangs mit den einschlägigen epigraphischen Hilfsmitteln, Nachschlagewerken wie Datenbanken, unabdingbar, um die für die Inschrift relevanten Editionen oder Primärpublikationen eruieren zu können. Der schnellste Weg, zur gesuchten Literatur für die zuzuweisende Inschrift zu gelangen, erfolgt zumeist über die EDH selbst, da sie bereits über die einschlägigen bibliographischen Informationen zu den erfassten Inschriften verfügt. Ansonsten ist die Nutzung weiterer epigraphischer bzw. althistorischer Online-Datenbanken oder das geduldige Durchforsten von gedruckten Inschriftencorpora zielführend. In einem nächsten Arbeitsschritt gilt es die Literatur und ihre bibliographischen Konkordanzen zu beschaffen und einen Abgleich zwischen Literatur und Bildvorlage vorzunehmen, um eine eindeutige Zuweisung des Inschriftenfotos zu gewährleisten. Außerdem werden die für die Suchmaske erforderlichen geographischen Daten herausgefiltert, die die antiken Provinzen, die modernen Länder, die Fundortnamen in ihrer antiken und modernen Bezeichnung, die Aufbewahrungsorte, zumeist Museen, betreffen. Nach einem Abgleich dieser Daten mit bereits bestehenden Fotodatensätzen bzw. der Textdatenbank, der unter anderem auch Verbesserungs- und Ergänzungsarbeiten an bestehenden Datensätzen beinhaltet, können all diese Informationen mit den photographischen Daten verknüpft und nach festgelegten Konventionen in die Suchmaske eingegeben werden. Jedes Foto erhält nach Eingabe dieser Metadaten eine ID-Nummer, mittels derer die bearbeiteten Photos mit den zugehörigen Datensätzen verbunden werden können.

‹17› Nicht nur das Zusammenführen der für die Suchmaske erforderlichen Metadaten und die daran gekoppelten Recherchearbeiten lassen die Komplexität der Photothek erahnen: Ganz plastisch zeigt sich die Größe der Heidelberger Photothek neben der digitalisierten Archivierung in der Existenz eines analogen Photoarchivs mit teils bereits als historisch zu bezeichnenden Papierabzügen. Außer von den durch die Mitarbeitern des Projekts angefertigten Photos profitiert das Photoarchiv der EDH auch von einer großen Menge an (nunmehr weitgehend digitalen) Bildern, die ihr immer wieder von Fachgelehrten und Institutionen zur Verfügung gestellt werden.

‹18› Gerade die Vielschichtigkeit der Photothek selbst macht den eigentlichen Reiz der Arbeit mit ihr aus. Der studentischen Hilfskraft bietet sich hier eine exzellente Möglichkeit neben dem Umgang mit unterschiedlich gelagerten (epigraphischen) Text- und Bilddatenbanken ihr Wissen auf dem Gebiet der antiken Geographie zu erweitern und einen tieferen Einblick in die Bandbreite der antiken Inschriftengattungen zu gewinnen, einschließlich ihrer zuweilen kuriosen wie auch faszinierenden Facetten: So beispielsweise der fast zu Tränen rührende Inhalt auf einer Grabinschrift eines Kindes, auf der neben seinen üblicherweise genannten Lebensjahren zusätzlich die Monate und Tage ja sogar die Stunden seines kurzen Lebens liebevoll eingemeißelt worden sind. – Jedenfalls dürfen sich meine künftigen Schüler schon jetzt auf die eine oder oder andere Inschrift in meinem Lateinunterricht freuen … . [E.Neubert]

Profil und Alleinstellungsmerkmal der EDH

‹19› Strukturell weit mehr als die eindimensionale Addition zahlreicher Metadaten und dabei substantiell von der Verknüpfung verschiedenartiger semantischer Komponenten geprägt, entfaltet sich das Potential jedes einzelnen der derzeit über 72.000 EDH-Datensätze entscheidend durch die Interaktion sämtlicher Metadaten der Textdatenbank mit jenen der Photo-, Biblio- und Geographischen Datenbanken, ergänzt um die gezielt angesteuerten Informationen externer Datenarchive. Die Präsentation des Suchergebnisses einer solcherart unterfütterten Datenrecherche gliedert sich in insgesamt 10 semantische Blöcke26), für deren Darstellung der Nutzer wahlweise auf zwei Formate mit einem ausführlichen bzw. einem reduzierten Formular zurückgreifen kann.

Abbildung 2: Suchergebnis

‹20› Die trotz der unvermeidlichen Komplexität übersichtliche Struktur des Wiedergabeformats von Inschriftentext und Metadaten und die dennoch detaillierten Einzelinformationen, bei denen versucht wird, einfache Darstellung und Tiefenschärfe miteinander zu verbinden, zählt zu den zentralen Alleinstellungsmerkmale der EDH. Ihr Potential liegt dabei nicht allein in ihrem Inhalt, sondern in der Generierung und koordinierten Ausnutzung ihrer Schnittstellen. Dies gilt in erster Linie für die Einbindung von Bildarchiven; zunehmend an Bedeutung gewinnt aber auch die Verknüpfung mit unterschiedlich spezifizierten GIS-Daten für die präzise Verortung der epigraphischen Befunde.

Abbildung 3: Suchergebnis und Karte mit Pin auf der Fundstelle: „Stiftskirche“

‹21› Maßgeblich ist dabei stets der Anspruch, Inschriften als historische und soziokulturelle Zeugnisse nicht in ihrer oftmals befundabhängigen Isolation zu belassen, sondern soweit möglich, aus ihrer (Re-)Kontextualisierung heraus zu begreifen.

Fußnoten

  1. Siehe bspw. die Abbildungen unter http://edh-www.adw.uni-heidelberg.de/projekt/geschichte (12.12.2015). »
  2. Zu den wichtigsten zählen EDCS http://db.edcs.eu/epigr/epi_de.php, EDR http://www.edr-edr.it, EDB http://www.edb.uniba.it/, Lupa http://www.ubi-erat-lupa.org, HEOnl http://eda-bea.es/ (12.12.2015). »
  3. EAGLE http://www.eagle-eagle.it/, eagle-europeana http://www.eagle-network.eu/ (12.12.2015). »
  4. C. Freihaut, in: Der Rektor der Universität Heidelberg (Hrsg.), Uni-Spiegel 18, 1986 (Juli), 3. »
  5. Zum (elektronischen) Photoarchiv der EDH s. u. Die Photodatenbank der EDH bei studentischen Hilfskräften in guten Händen – Learning by Doing, ein Erfahrungsbericht (E. Neubert). »
  6. Ausführlicher zur Geschichte des Projekts s. http://edh-www.adw.uni-heidelberg.de/projekt/geschichte (12.12.2015). »
  7. Die studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräfte der EDH seit 1993 http://edh-www.adw.uni-heidelberg.de/projekt/geschichte#ankerHiwis (12.12.2015). – Zum Mehrwert für und durch die Projektarbeit im Zuge der Einbindung von Studierenden s. u. den Erfahrungsbericht von Elisabeth Neubert. »
  8. Electronic Archive of Greek and Latin Epigraphy; s. o. Anm.  3»
  9. Epigraphic Database Rome; s. o. Anm.  2. Gegründet 2003 nach dem Modell von EDH»
  10. Epigraphic Database Bari; s. o. Anm.  2. Gegründet 2004. »
  11. Hispania Epigraphica Online; s. o. Anm.  2»
  12. Vgl. die http://edh-www.adw.uni-heidelberg.de/home/ → wechseln zu EDH Bearbeitungsstand»
  13. Zur Photodatenbank der EDH aus der Perspektive einer studentischen Hilfskraft s. oben»
  14. CIL http://cil.bbaw.de/ (12.12.2015). »
  15. http://www2.uah.es/imagines_cilii/ (12.12.2015). »
  16. www.ubi-erat-lupa.org (12.12.2015). »
  17. http://www.philippoi.de/ (12.12.2015). »
  18. http://usepigraphy.brown.edu/projects/usep/collections/ (12.12.2015). »
  19. S. o. Anm. 2»
  20. S. o. Anm. 2»
  21. S. o. Anm. 2»
  22. http://inslib.kcl.ac.uk/irt2009/ (12.12.2015). »
  23. S. o. Anm. 2»
  24. S. o. Absatz ‹8›. »
  25. Externe Mitarbeit bei der EDH http://edh-www.adw.uni-heidelberg.de/hilfe/liste/externeMitarbeiter (12.12.2015). »
  26. Bestehend aus 1) allgemeine Angaben, 2) Fundortangaben, 3) Informationen zu Inschriftengattung, Inschriftenträger und Schreibtechnik, 4) Angaben zur chronologischen Einordnung bzw. Datierung, 5) Historisch (sozial-, wirtschafts-, rechtsgeschichtlich) relevante Informationen, 6) der essentiellen Bibliographie, 7) einem knappen Kommentar, 8) einem analytischen prosopographischen Block, 9) dem Inschriftentext in zwei Darstellungen (transkribiert und diplomatisch) und schließlich 10) einem Block für die Visualisierung der Inschriftenmonumente mit Fotos und anderem bildlichen Material (Zeichnungen, Scheden, …) sowohl aus internen EDH-, als auch aus externen, der EDH zur Verfügung gestellten Beständen. »
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Autoreninformation

Dr. Francisca Feraudi-Gruénais hat von 1987–1993 Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Klassische Philologie (Latein) in Heidelberg und München studiert. Seit 1997 arbeitet sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Epigraphische Datenbank Heidelberg (EDH).

Elisabeth Neubert studierte Latein und Geschichte auf Lehramt und schloss das Studium mit dem 1. Staatsexamen ab. Sie befindet sich derzeit im Referendariat.

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Francisca Feraudi-Gruénais und Elisabeth Neubert: Blick in die Historikerwerkstatt: Die Epigraphische Datenbank Heidelberg (EDH) – lateinische Inschriften der römischen Antike online, in: Skriptum 5 (2015) Nr. 1, URN: urn:nbn:de:0289-20160329000, Abs. XY [Datum des Zugriffes].